Le Lampenfieber I 6.-10- November 2024
Queer*feministisches Theaterfestival Le Lampenfieber - dritte Ausgabe
Die dritte Ausgabe des Festivals Le Lampenfieber fand im Ballhaus Ost, Theater unterm Dach und silent green Kulturquartier statt. Die fünf ausgewählten Aufführungen befassten sich mit dem Thema Spur | Trace | Empreinte.
Die Auswahl 2024
Wir freuen uns sehr, euch die Auswahl für das Festival Le Lampenfieber 2024 vorzustellen!
Für die französischsprachige Auswahl:
La Fracture
von Yasmine Yahiatène.
L’Ouvrir
von Morgan·e Janoir.
Amours Chimiques
von Les Adelphes de la Nuit.
Für die deutschsprachige Auswahl:
BABYLON
von Jäckie Rydz.
FREISPRUCH: Ein Ermächtigungsprojekt
von Entgegen der Vereinzelung.
PRODUKTIONEN
La Fracture
Yasmine Yahiatène
Originalwerk
Regie, Konzept und Schauspiel: Yasmine Yahiatène
Mittwoch den 06.11 um 20:00 Uhr im Ballhaus Ost (Dauer: 55 Min.)
Ab 13 Jahren. Auf Französisch mit deutschen und englischen Übertiteln.
„Papa, weißt du, was der Algerienkrieg und der Alkohol gemeinsam haben? Drei Antworten habe ich gefunden: das Schweigen, das Tabu und die Scham.” Die Person, die diese Worte ausspricht, sah als Kind ihren Vater als Helden an. Die Art von Held, der sie später einmal ähnlich sein wollte. Und dann hat die Zeit ihren Tribut gefordert. Die Tochter wurde erwachsen und der Held wurde alt. Nach und nach stürzte er in die Ritzen seines Gedächtnisses, in die verwinkelten Furchen des Lebens, als suche er nach etwas, als wolle er etwas nachholen oder sich selbst vergessen. Bis zu dem Tag, an dem die junge Frau beschloss, den Kontakt abzubrechen. Ihren Vater nicht mehr zu sehen. Nach und nach radierte sie ihn aus ihren Erinnerungen aus, wie eine alte Zeichnung, die verblasst…
Yasmine Yahiatène begibt sich auf die Spuren von Ahmed, dem Vater, um den sie vor seinem Tod trauern musste. Um ihren Weg durch die Fragmente des Erbes zu finden, die sie in sich trägt und die ihr so weit entfernt erscheinen, erkundet sie die Risse dieser schmerzhaften und abgebrochenen Beziehung. Aus persönlichen Archiven und historischen Dokumenten vermischen sich die Bilder, und Ahmeds Geschichte setzt sich in Bruchstücken wieder zusammen: seine kabylischen Wurzeln, sein Exil nach Frankreich, mitten in der Revolution. Der Verlust seiner Muttersprache, die er aufgibt, als er sich nach und nach die Kultur der Kolonialmacht aneignet. Aber auch der Jubel, das Finale der Fußballweltmeisterschaft 98, die beiden Tore von Zidane, die glorreiche Version einer französisch-algerischen Erinnerung, die von Narben geprägt ist. Und, zwischen diesen beiden Ufern, der Alkohol – wie ein schlechtes Heilmittel gegenüber dieser zerfallenden Vergangenheit.
Publikumsgespräch nach der Aufführung am 06. November.
ACHTUNG: Die Aufführung findet im Ballhaus Ost statt.
Yasmine Yahiatène ist eine multidisziplinäre Künstlerin, die an der Académie des Beaux-Arts in Tournai und an der Universität der Schönen Künste in Valencia in Video und Performance ausgebildet wurde. 2016 wurde ihre Installation Ma mère, aussi in Lille und in der Schweiz ausgestellt, und ihr Projekt J’avais 10 ans gewann einen Preis beim Concours International de Vidéo Mapping in Lille. 2019 gründete sie das Collectif Oxo und präsentierte das Projekt OXO Beat Gender in Montreal und Brüssel.
2020 schuf sie ihr erstes Stück La Fracture. Dieses Stück gewann Preise beim Festival Fast-forward und tourte auf mehreren europäischen Festivals. Parallel dazu entwickelt sie weiterhin künstlerische Projekte, darunter Les châteaux de ma mère, das sich auf die weiblichen Figuren ihrer Familie konzentriert.
Drehbuch und Regieassistenz: Sarah-Lise Salomon Maufroy
Künstlerische Mitarbeiter:innen und Regieassistent:innen: Olivia Smets und Zoé Janssens
Komponist der Musik: Jérémy David
Video: Samy Barras
Video- und Lichtregie: Jean-Maël Guyot
Soundregie: Martin Coutant
Lichtdesign: Charlotte Ducoussu
Betreuung des Vertriebs und der Projektentwicklung: Ad Lib
Bildcredit: Pauline Vanden Neste.
Amours chimiques
Les Adelphes de la Nuit
Originalwerk
Regie: Corentin Hennebert, Joseph Wolfsohn
Mit Tao Dersoir, Frédéric Dietz, Corentin Etienne, Lucas Ivoula, Maël Leurele, Valentin Nerdenne, Wedia Pendje, Joseph Wolfsohn
Donnerstag den 07.11 um 20:00 Uhr und Freitag den 08.11 um 18:30 Uhr im Theater unterm Dach (Dauer: 90 Min.)
Ab 16 Jahren. Auf Französisch mit deutschen und englischen Übertiteln.
Dies ist die Geschichte von Candide, aber auch die von vielen anderen. Candide ist frisch in Paris angekommen und weiß noch nichts über Chemsex, als er Ilyes kennenlernt. Er weiß weder von der Euphorie der ersten Trips noch vom langen Nebel, der die Comedowns einhüllt. Candide entdeckt die Hochstimmung und dann die Einsamkeit, die mit dem Konsum der Produkte verbunden sind. Während dieses initiatorischen Sturzes sammelt der junge Mann die Partner und verliert seine Freund*innen, seine Familie und seine Zukunftsperspektiven aus den Augen. Seine Sexpartien, die sich bis zu ganzen Tagen ausdehnen, werden gleichzeitig zum Ursprung und einzigen Ausweg aus seiner Isolation.
Amours Chimiques (chemische Liebschaften) porträtiert einen abenteuerlustigen, aber verletzlichen Teil der LGBTQIAP+-Gemeinschaft und lässt Sexarbeiter, Transmenschen, junge homo- und bisexuelle Männer sowie die sie betreuenden Sozialarbeiter*innen zu Wort kommen.
TW: Das Stück enthält Szenen sexueller Gewalt und Drogenkonsum.
Publikumsgespräch nach der Aufführung am 07. November.
Gegründet im Jahr 2022, ist das Kollektiv Les Adelphes de la nuit aus dem Wunsch entstanden, die Welten von Corentin Hennebert und Joseph Wolfsohn zu vereinen.
Dieses Kollektiv spiegelt sein erstes Projekt wider: queer. Was sie durch diese erste Produktion verteidigt, soll ein Schaufenster ihrer Werte sein: Inklusivität, der Kampf gegen Diskriminierungen in all ihren Formen, Engagement und die Initiativen des Kollektivs. Ihr Theater ist ein Theater der Gegenwart, das in die Realität eingebettet ist und diese durch die Kanäle darstellt, die es für nützlich und relevant hält.
Adelphe steht für Schwesternschaft und Bruderschaft zugleich. Die Nacht ist der Ort, von dem wir kommen, an dem wir arbeiten, der Moment, in dem wir leben. Nichts Dunkles, nur Funken.
Bildcredit: Guillaume Colrat.
L’ouvrir
Morgan·e Janoir
Originalwerk
Text und Regie: Morgan·e Janoir
Mit Valentine Gérinière, Morgan·e Janoir, Pauline Darcel
Freitag den 08.11 um 21:00 Uhr und Samstag 09.11 um 21:00 Uhr im Theater unterm Dach (Dauer: 55 Min.)
Ab 13 Jahren. Auf Französisch mit deutschen und englischen Übertiteln.
Alex ist 23, hat einen Abschluss, einen Freund und einen unbefristeten Arbeitsvertrag in Sicht. Alles ist an seinem Platz, aber etwas stimmt nicht. Als sie eines Tages eine Bar auf der anderen Straßenseite betritt, entdeckt sie eine Gemeinschaft, eine Welt und eine Geschichte, in der sie sich endlich zu Hause fühlt. Dort wird ihr klar: Sie ist lesbisch.
L’ouvrir ist eine poetische Klammer in Form eines Musiktheaters, in der es um das Coming-out geht, gegenüber sich selbst und dem Rest der Welt. Muss dieser innere Prozess das bisherige Leben erschüttern? Dieses persönliche und zugleich kollektive Zeugnis ist ein Versuch, diese Frage zu beantworten. Es ist das Tagebuch einer wesentlichen Etappe auf dem Weg zum Erwachsenwerden: der Verwirklichung des eigenen Selbst.
Publikumsgespräch nach der Aufführung am 09. November.
Morgan.e Janoir – Nach einem Master in Kulturmanagement und Literaturwissenschaft widmet er/sie sich der Theaterproduktion. Engagiert in Schreiben und Regie, nimmt er/sie an Projekten wie Entre meufs und dem Sammelwerk Goudous, où êtes-vous ? sowie an L’ouvrir teil.
Pauline Darcel – Ausgebildet am Theater der belarussischen Dramaturgie und im Physikalischen Theater, ist sie Mitbegründerin des Syncope Collectifs. Sie arbeitete mit Mathilde Belin und Vassia Chavaroche für das Festival Off d’Avignon 2023 zusammen. Sie assistierte bei der Inszenierung von Le Seigneur des Porcheries und führt Kulturprojekte mit den Céméa und den Plateaux Sauvages durch.
Valentine Gérinière – Ausgebildet am CNR Lyon und am Centre des musiques Didier Lockwood, bewegt sie sich zwischen Weltmusik, Jazz und dramaturgischer Musik. Sie trat im Studio de l’Ermitage, im Baiser Salé und beim Festival du Parc Floral auf, u.a. mit dem Snap Orchestra, Ellinoa und La Famatinas. Sie komponiert für Kino-Konzerte, musikalische Erzählungen und Theaterstücke.
Bildcredit: Teresa Suarez.
BABYLON
Jäckie Rydz
Originalwerk
Text, Bühnenbild und Regie: Jäckie Rydz
Mit Martix Navrot, Jäckie Rydz und Lucas Guigonis
Samstag den 09.11 um 18:30 Uhr und Sonntag 10.11 um 19:00 Uhr im Thater unterm Dach (Dauer: 75 Min.)
Ab 16 Jahren. Auf Deutsch, Polnisch und Englisch mit französischen und englischen Übertiteln.
BABYLON war Sünde, BABYLON war Paradies. In BABYLON geht es um Babys. Oder eben darum, keine Babys zu machen, sondern etwas anderes zu erschaffen: Fantasien eines anderen Lebens. Oder sogar Fantasien über dieses Leben?
Der Theatersaal erinnert an eine Kirche, nur stehen Trans-Körper auf dem Altar. Sie spielen die Mutter, die Hure und die Braut, oder besser gesagt, sie sind die Trans-Egos dieser Figuren – drei Ehrenmitglieder einer Kultur, die sie stark misshandelt. Liebe und Ehre diesen Menschen, die für uns alles bedeuten! BABYLON ist eine Feier ihrer Zuneigung und ihrer Care-Arbeit.
Dann ist plötzlich von Nazis in SS-Stiefeln die Rede und von der Mała Smutna Królewna – der traurigen kleinen Prinzessin. BABYLON wird zur militanten Forschungsarbeit und wirft die Frage auf: Was bleibt übrig, wenn die Menschheit queer ist und in den Gebärstreik tritt? Macht Euch bereit für die Welt von BABYLON. Lasst alles stehen und liegen – wir versprechen, es wird sich lohnen.
TW: Während der Aufführung erscheint ein pulsierendes Licht, das an ein Stroboskoplicht erinnert.
Publikumsgespräch nach der Aufführung am 10. November.
Jäckie Rydz (they/them, keine Pronomen) ist ein polnisch-deutscher Künstler, Performer, Autor und Szenograf. Their neuestes Stück, BABYLON, wurde 2023 im Nowy Teatr in Warschau und beim Theater der Welt Festival präsentiert. Jäckie hat in Szenografie und Theaterwissenschaft abgeschlossen und arbeitet als unabhängiger Künstler mit Kollektiven wie dem zaungäste Kollektiv zusammen. Ihre Arbeit untersucht heteronormative Rituale durch immersive Bühnenbilder und queere Körper.
Martix Navrot (he/him, xe/xem) ist ein Performer, queerer Rapper, Dichter, KI-Forscher und XR-Prototyper und ist Teil des künstlerischen Duos Eternal Engine. Er erkundet Themen wie queer-quanten Umgebungen, Cyberfeminismus und psychedelischen Rap. Als ehemaliges Mitglied des Kollektivs Pussymantra hat er kürzlich Projekte in der Zachęta Gallery und beim S_P_I_T Festival in Wien präsentiert. 2022 wurde er von We Are Europe als einer der European Change Makers anerkannt.
Co-Regie: Nikolas Stäudte, Martix Navrot
Kostüme: Nikolas Stäudte
Musik: Martix Navrot
Dramaturgie, Text Gesangbuch: Teresa Fazan
Visuals: Mateusz Korsak
Produktion Touring: Greta Katharina Klein
Video Touring: Monika Żyła
Bildcredit: Mauricy Stankiewicz
FREISPRUCH: Ein Ermächtigungsprojekt
Entgegen der Vereinzelung
Originalwerk
Mit Thalia Schoeller, Klarissa Flückiger, Jude Reindl, Alina Tempelhoff, Robin Gunzelmann, Cody Ellis Kluge, Konstantin Gutsch
Samstag den 09.11 um 19:00 Uhr im silent green Kulturquartier (Dauer: 3 Stunden mit Open End)
Ab 16 Jahren. Auf Deutsch und Englisch.
FREISPRUCH ist ein Ermächtigungsprojekt von FLINTA* Personen, die versuchen, gemeinsam aufzuarbeiten, was es bedeutet, in einer Übergriffs-bejahenden, ja, in einer Vergewaltigungskultur (rape culture) aufzuwachsen. Es geht darum, die Gewaltmechanismen als das zu benennen was sie sind, ohne sich in festgefahrenen Debatten zu verlieren. Es geht darum, die eigenen Erfahrungen zu einem Chor erklingen zu lassen und uns so als Betroffene und als Gruppe freizusprechen. Denn es sind keine Einzelfälle. Es sind Systeme. Sie sind gelernt, sind Teil unserer Kultur.
Der Abend changiert zwischen bewegter Installation, öffentlichem Wohnzimmer und persönlichem Begegnungsraum. Gemeinsam mit dem Publikum wird ein Umfeld geschaffen, das jede Form von Opfer-Beschuldigung (victim-blaming) verneint, das Gemeinschaft stiftet und durch Vielstimmigkeit von den überindividuellen Grundpfeilern für sexuelle Gewalt spricht. In diesem Sprechen liegen Befreiung und Selbstermächtigung.
Mit künstlerischen Mitteln kämpfen wir uns frei, zwischen Beschreiben und Umschreiben, Benennen und Neu Erfinden. Wir finden uns, sind in unserer Healing Era, sind ein wir, das sich gegenseitig stützt. Das Projekt wirkt radikal den Vereinzelnungsmechanismen entgegen, die bei Betroffenen wirken und damit Täter*innen schützt. Denn sexuelle Gewalt ist ein Thema, das nicht brennt und beißt und schreit, sondern nagt und flüstert und klopft. Jeden Tag, bei so vielen.
Die Performance ist offen für alle ab 16 Jahre alt. Zwischen 19:00 und 20:00 führt jede Person ein kurzes individuelles Gespräch mit einem/r Performer*in. Während der Wartezeit sind Getränke und Sitzplätze vorhanden.
Mit Unterstützung der Rosa Luxemburg Stiftung.
Das Kollektiv besteht aus 7 FLINTA* Personen (Frauen, Lesben, intersexuelle, nicht-binäre, trans*, agender), die alle Formen von sexistischen und sexuellen Gewalterfahrungen gemacht haben. Sie haben intensiv und kollektiv am PATHOS Theater in München daran gearbeitet, zu unlearnen, wie sie als als weiblich gelesene Menschen in einer Übergriffskultur konditioniert wurden, ihre Erfahrungen zu verarbeiten, und Wege zu finden, ihre Erzählungen und Stimmen Gehör zu verschaffen. Ein Teil des Kollektivs entwickelt derzeit einen Kurzfilm im Rahmen von „Sieinspiriertmich“ in München.
Bildcredit: Thalia Schoeller.
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